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Juliane Schultz / Ostseezeitung

Rügen ringt um Insellösung: Unabhängig sein vom Kreis

Ex-Landrätin Kerstin Kassner schlägt Landschaftsverband vor.

Bericht der Ostseezeitung vom 23.09.2021

Bergen. Die Insel Rügen strebt nach Unabhängigkeit. Zehn Jahre nach der umstrittenen Kreisgebietsreform, bei der sie mit dem einstigen Nordvorpommern zum Landkreis Vorpommern-Rügen verschmolzen wurde, kommen altbekannte Ideen von Selbstverwaltung wieder hoch. Grund: Viele Rüganer sehen ihre Interessen im Kreistag des fünftgrößten deutschen Landkreises nicht ausreichend berücksichtigt.

„Was da heute diskutiert wird, hat nichts mit dem zu tun, was die Insel bewegt“, sagt Kerstin Kassner (Linke), Ex-Landrätin des ehemaligen Landkreises Rügen. Ihre Bilanz der letzten zehn Jahre ist verheerend: „Regionales Wirken ist ganz schwer geworden.“ Die Kreisgebietsreform habe zur Aufblähung der Verwaltung geführt, und die Gemeinden haben nicht – wie einst versprochen – mehr Geld für sich.

Dies bestätigt auch der Städte- und Gemeindetag: Aus Sicht der Kommunen habe sich die Reform, bei der 2011 aus zwölf Landkreisen sechs gemacht wurden, nicht bezahlt gemacht. Im Gegenteil: Die Gemeinden überweisen je Einwohner nun rund 50 Prozent mehr Geld an die Kreise.

Doch wenn Konsens ist, dass die Kreisgebietsreform ein Misserfolg war, muss dann nicht etwas daraus folgen? „Es ist ein politischer Fehler, mit dem man leben muss“, sagt Andreas Wellmann, Geschäftsführer des Städte- und Gemeindetages. Ebenso nüchtern sieht es Matthias Köpp, Geschäftsführer des Landkreistages: „Die Reform ist nur noch für die historische Forschung interessant.“ Man wolle lieber nach vorn schauen.

Auf Rügen gibt man sich mit Resignation aber nicht zufrieden. Denn „es ist auch ein riesiger Mitwirkungsverlust entstanden“, sagt Kerstin Kassner. Sie hat jüngst die Gründung eines Landschaftsverbandes ins Gespräch gebracht. Eine Art kommunaler Zusammenschluss, der andernorts in Deutschland schon lange existiert, teils sogar soziale Aufgaben übernimmt. Auch die Verfassung in MV sieht die Möglichkeit vor, Landschaftsverbände mit dem Recht auf Selbstverwaltung zu errichten. Darin könnten die Gemeinden der Insel viel enger als im Kreistag kooperieren, glaubt Kerstin Kassner. Sie kündigt an: „Nach der Wahl werde ich das gezielt in Angriff nehmen“.

Unterstützung finden könnte sie bei Knut Schäfer, Vorstandsvorsitzender des Tourismusverbandes Rügen. Auch er sagt: „Der Landkreis als Gebietskörperschaft ist zu groß.“ Außerdem erlebe er Kreispolitiker, die nicht gern auf die Insel kommen. Und, Schäfer weiter: „Wir gelten als streitbar.“ Aus guten Gründen: „Als Insel brauchen wir Insellösungen für unsere spezifischen Probleme.“

Er habe deshalb die Idee der Stadt Rügen wiederbelebt und als Alternative die Gründung der „Tourismusregion Rügen“ angeregt. Ausdrücklich nicht nur mit Blick auf touristische Themen. Schäfer findet, aber auch die Idee des Landschaftsverbandes sei „nicht verkehrt“. Am Ende sei wichtig, dass die Interessen Rügens berücksichtigt werden.