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Ostsee-Zeitung, Stefanie Büssing

Mit Bürgernähe will Kassner Merkel ausstechen

In ihrem Garten tankt Kerstin Kassner Kraft für die Politik

Nobbin – Die Rügenfahne weht vor dem Gasthaus Nobbin im Wind, die Hauswand ziert ein aufgemalter Leuchtturm und über der Rezeption hängt ein Schiffsmodell an dünnen Fäden. Ich bin schon als Kind nach Rügen gezogen, für mich ist das hier Zuhause“, sagt Hausherrin Kerstin Kassner, die im Frühstücksraum die Tische eindeckt. „Wenn ich frei habe, mache ich das Frühstück für die Gäste. Das macht Spaß, man kriegt sofort eine positive Reaktion von den Gästen. Das ist in der Politik leider nicht immer so.“
Draußen im Garten schwingt ihr Mann das Zepter. „Das ist sein Metier, daist er sehr kreativ“, sagt Kassner und deutet auf ein Blumenbeet in Form eines Schmetterlings, in dem sich Kornblumen, Mohn- und Ringelblumen sanft im Wind wiegen. „Eine bunte Sommermischung“, findet die Rüganerin. Die fröhlichen Farben symbolisieren ihre Lebenseinstellung.„Ich bin sehr optimistisch und lasse mich nicht unterkriegen“, beschreibt sich die 55-Jährige. Auch nachdem sie bei der Landratswahl 2011 Konkurrent Ralf Drescher unterlag, sei sie kämpferisch geblieben.
„Ich habe gleich nach der verlorenen Wahl gesagt, dass ich anstrebe, in den Bundestag zu gehen, weil ich dort mehr erreichen kann als im Landkreis“, meint Kerstin Kassner, die als Direktkandidatin für die Bundestagswahl für die Linke einen Stuhl in Berlin besetzen will. „Ich bin von vielen Menschen bestärkt worden, die mich unterstützen. Das macht mir Mut.“
Im Wahlkampf gegen Konkurrentin Angela Merkel setzt Kerstin Kassner auf Bürgernähe. „Ich komme von hier, kenne die Leute und weiß, was sie bewegt. Ich glaube, dass jemand, der das so lange macht wie Frau Merkel, die Bodenhaftung verliert. An vielen Stellen merkt man, dass die jetzige Politik keine Antwort auf Fragen des Alltags gibt. Dazu gehört zum Beispiel die Existenzangst der Leute, die nicht wissen, wie sie ihre Miete zahlen sollen.“ Die Politikerin weiß, wovon sie spricht. Seit 20 Jahren führt sie mit ihrem Mann das Gutshaus Nobbin. „Für solche Kleinkrauter wie uns – ohne finanzielle Unterstützung – war das nicht immer leicht, das erdet.“
Sie bekomme die steigende Abgabenlast zu spüren und will sich deshalb unter anderem für bezahlbare Energie und Mieten sowie einen Mindestlohn von zehn Euro stark machen. „Dass das realistisch ist, wissen wir aus anderen europäischen Ländern“, sagt sie. Gerade Gastronomiejobs seien häufig in der Nähe von Harz IV angesiedelt. Als Arbeitgeber weiß sie aber auch um die Schwierigkeiten eines Mindestlohns. „Wir liegen momentan bei acht Euro. Das ist auch zu wenig, aber für kleine Unternehmen ist es nicht einfach. Wenn der Gesetzgeber den Mindestlohn fordert, muss er die Unternehmen unterstützen, beispielsweise, indem er die Einführung steuerlich attraktiver macht.“
Kassner ist zudem eine Verfechterin des bedingungslosen Grundeinkommens. „Das würde sich schon dann rechnen, wenn man die Kosten für den bürokratischen Aufwand für die Verteilung von Harz IV mit einfließen lassen würde“, sagt sie. „Für diese Umwälzung würde ich mich stark machen.“ Und wenn es weder mit dem Direktmandat noch mit dem Einzug über die Landesliste klappen sollte, hat die 55-Jährige bereits einen Plan B: „Dann trete ich nächstes Jahr bei der Wahl zum Europaparlament an.“ Eine würde sich sicher freuen, wenn Kerstin Kassner nicht nach Berlin gehen würde– Enkelin Anna, denn die will unbedingt noch mit Oma in den Vogelpark Marlow.

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